Sonntag, 2. Juni 2013

...mit freundlichen Grüßen, Ihre Agentur für Arbeit

Und das macht MEINE Agentur für Arbeit:

Ich, nebenjobmäßig beschäftigt, trenne mich im Dezember vergangenen Jahres wegen unüberbrückbarer Differenzen von meinem Chef - oder besser werde getrennt. Zwei tage vor Weihnachten. Nun weiß der gemeine Arbeitnehmer, dass er stracks diesen Zustand beenden soll, weswegen er umgehend in der oben beschriebenen Agentur zu erscheinen habe und sein Begehr nach einem neuen Arbeitsplatz kundtun soll.

Es ist, wie erwähnt, zwei Tage vor Weihnachten, ich habe aber drei Werktage Zeit. Also greife ich am Tag nach Weihnachten zum Telefon und frage, was denn nun zu tun sei, mir sei zum 30.01. mein Arbeitsplatz gekündigt worden. "Ach, erst zum 30. Januar? Da haben Sie ja noch Zeit, kommen Sie einfach irgendwann vorher vorbei, das Arbeitslosengeld wird ja sowieso erst zu Ende Februar zum ersten Mal ausgezahlt." Ach gut, dann habe ich keine Eile. Hätt ich nur gewusst, wie eilig es wirklich war!

Aber so habe ich Weihnachten erst einmal bei meiner Mutter im Krankenhaus verbracht, dafür gesorgt, dass sie einen Pflegplatz bekommt und meine organisatorischen Fähigkeiten auf alles andere als auf die AGENTUR FÜR ARBEIT konzentriert.

Dann laufe ich dort ein und melde mich - nicht etwa arbeitslos, nein, arbeitssuchend. Das ist ein himmelweiter Unterschied, wie mir beschieden wird. Nun gut. Man nimmt meine Personalien auf, macht Kopien von den einschlägigen Dokumenten und ich erhalte einen Fragebogen über meine Situation, beruflichen Werdegang, Ausbildung, weitere Berufsvorstellungen, Bereitschaft zum Reisen, Schichtdienst, und sonstiges.  Außerdem habe ich gleich ein sogenanntes Erstgespräch. Den Fragebogen will ich sofort ausfüllen und ihn gleich wieder abgeben.

"Nein, den müssen Sie zu Hause ausfüllen."

"Und dann schicke ich ihn Ihnen zurück?"

"Nein, den brauchen Sie für den ersten Anruf." Wie bitte, Anruf? Ich verstehe Bahnhof.

"Sie werden angerufen, man fragt Ihre Daten ab, die Sie vorher in den Fragebogen geschrieben haben."

Ach so, ich fabriziere also meine eigene Gesprächsvorlage, für den Fall, dass ich bis dahin meinen Namen oder meinen Beruf vergessen haben sollte. Das ist offenbar eine der ersten Arbeitsbeschaffungs- oder Beschäftigungsmaßnahmen. Gleich in die Aktivität schicken, den Kunden. Ich bekomme einen Termin für den Anruf genannt.

Das Erstgespräch verläuft recht entspannt. Mir wird sehr dezent bedeutet, auf Grund meines Alters könne ich nicht mit 10 oder mehr Angeboten pro Woche rechnen. Wieso eigentlich nicht, aber das steht auf einem anderen Blatt. Denn, und das finde ich nun sehr angemessen, man erwartet auch von mir keine Dutzende von Bewerbungen - zumal mein Renteneintritt absehbar ist. Die Vermittlerin - die Dame ist wirklich nett aber die Bezeichnung ist ja ein Hohn - fragt meinen Werdegang ab, notiert sich die Einzelheiten, gibt mir ein paar Tipps für Bewerbungen und ich bin entlassen.

Der vereinbarte Telefonanruf gestaltet sich so, dass ich der Anruferin meinen Namen, diverse Arbeitgeber und Ausbildungen in die Feder diktiere, die sie hinterher in meinen "Auftritt" in der Jobbörse einpflegen will. Hierfür darf ich die entsprechenden Zugangsdaten erwarten. Ich bekomme jeweils einen Brief von der AA (nennen wir sie der Einfachheit halber so) mit einem Kenn- und einem Passwort. Wozu hab ich denen meine E-Mail-Adresse genannt? Ich logge mich also ein, um die Kriterien für neue Jobs einzugeben und Bewerbungen zu schreiben. Was ich finde, sind falsch geschriebene Namen, einen unvollständigen Lebenslauf und keine Möglichkeit, dieses selber zu ändern. Dafür muss ich meine Vermittlerin anrufen. Das geht natürlich nicht, weil es für den Arbeitssuchenden an sich nur eine Hotline gibt, die er auch noch bezahlen muss: 0180..., das ist schon mal eine Frechheit an sich. Dann  landet man bei den kompetenten und effizienten Mitarbeitern des eigens dafür engagierten Call-Centers. Wir haben oben ein aussagekräftiges Beispiel dafür gesehen.

Mittlerweile habe ich mein "Arbeitspaket 1" erhalten. Eine Worthülse, wie sie leerer nicht sein kann. Ich habe allerdings mit diesem Ding jede Menge Arbeit. Wieder einmal ein Fragebogen, der fast die gleichen Dinge wissen will, die ich schon einmal kundgetan habe. Vielleicht haben die gemerkt, dass die Mitarbeiterin nur die Hälfte und davon die Hälfte falsch eingespielt hat? Dann Auskünfte zur familiären Situation, ich war nämlich zeitweilig auch bei meinem Angetrauten beschäftigt. Hat mir der Laden gehört, hatte er bei mir Schulden und so weiter. Beantworte ich alles und schicke es ab. Verbunden ist all das mit der Drohung, keine Unterstützung zu erhalten, sollte ich der Aufforderung, die Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten, nicht nachkommen. Darin sind sie richtig gut. Zudem enthält das A 1 den Befehl, auf die Einladung zu einem weiteren Gesprächstermin zu warten, zu dem ich dann den ausgefüllten Fragebogen mitbringen soll. Muss persönlich übergeben werden.

Ich warte. Nach einer Woche telefoniere ich: "Ja, die Einladung bekommen Sie schon noch." Gut. Nach 14 Tagen schreibe ich eine Mail: "Bitte, wann bekomme ich einen Termin? Die Zeit läuft und ich möchte keine Verzögerung." Keine Antwort.

Inzwischen habe ich einen neuen Nebenjob, ein paar Stunden wöchentlich, ich gelte also weiterhin als arbeitslos - pardon, arbeitssuchend.

Ich rufe wieder die Hotline an: "Wie ist das denn nun mit der Einladung und der persönlichen Abgabe des Arbeitspaketes?"

"Ach ja, bei welcher Agentur sind Sie denn?"

"In B." (nein, nicht Berlin)

"Ach, na ja, da geht das ja gar nicht persönlich...! Schicken Sie das doch mit der Post."

"Vielen Dank, dafür, dass ich das auch schon erfahre."

Ich schicke also das Arbeitspaket per Post und siehe da, ein paar Tage später flattert mir eine Einladung ins Haus. Als Termin wird mir ausgerechnet der Tag genannt, an dem ich meinen neuen Job beginnen soll. Also fülle ich den beigefügten Fragebogen aus und nenne den Hinderungsgrund. Es passiert erst mal nichts. Dann ruft mich die für mich zuständige Vermittlerin an: "Glauben Sie, Ihr Arbeitgeber wird Sie versicherungspflichtig einstellen?" Das ist ihre erste und einzige Sorge, nicht etwa, ob ich den Job weitermachen will oder dass sie vielleicht ein anderes, versicherungspflichtiges Angebot hätte. Ich verneine ihre Frage, das Gespräch ist beendet.

Dann bekomme ich Post: noch einmal der Fragebogen zur familiären Situation - hab ich doch schon einmal ausgefüllt. Ich telefonier und höre die lakonische Antwort: "Haben wir nicht gesehen." Zu dieser unsäglichen Schluderei nun auch noch Blindheit?

Ich weiß noch immer nicht, wie viel Arbeitslosengeld ich bekomme. schließlich gibt es erneut Post - eine Mitteilung über die monatliche Höhe meines Arbeitslosengeldes mit der genauen Aufteilung, welche Beträge zur Kranken- und Rentenversicherung abgeführt werden.  Genau diese Berechnung erhalte ich ein paar Tage später noch einmal, ebenfalls per Post. Kein Mensch weiß, warum.

In der Zwischenzeit habe ich meine Rente eingereicht und weiß, dass ich nur noch ein paar Monate lang auf die AA angewiesen bin. Ich bewerbe mich pflichtschuldig regelmäßig, erhalte aber nicht einmal eine Bestätigung über den Eingang meiner Bewerbung. kein Wunder, mein Alter ist ja auch für potentielle Arbeitgeber geradezu biblisch - aber die AA propagiert unverdrossen ihr Programm 50+.

Um das Maß der Skurrilität vollzumachen, schickt man mir auch noch eine sogenannte Zielvereinbarung, die festlegt, wann und wie oft ich mich zu bewerben habe, dass ich Angebote anzunehmen habe und, und, und. Immer begleitet von der Drohung, mir die Zuwendungen zu streichen, wenn ich nicht...

Ein zweiter Gesprächstermin steht an. Ich begebe mich also morgens um 8:00 zur AA. Unten stehe ich in der Anmeldung und werde Zeuge des folgenden Vorgangs:

Eine junge Frau reicht ihre Unterlagen ein, Kommentar der Mitarbeiterin I: "Das habe ich ja noch nie gesehen!"

"Ja, das habe ich doch schon mal eingereicht."

"Da muss ich jetzt nachgucken, ob ich das hier im Programm finde - komisch, hab ich noch nie gesehen."

Mitarbeiterin II wird zur Unterstützung gebeten: "Hast Du das schon mal gesehen?"

"Nein, hab ich noch nie gesehen." "Komisch, nicht?" "Komisch."

Ein wildes Überlegen hebt an, die junge Frau ist nun leicht panisch: "Nehmen Sie das jetzt als Beleg?"

Es ist bereits ein paar Minuten nach acht, ich werde nicht pünktlich sein. Ich schlängele mich unter Entschuldigungen an den vor mir stehenden 2 Kunden vorbei und frage die Mitarbeiterin: "Ich habe um acht einen Termin, ich will nur schnell wissen, wo ich hin muss." " Für einen Gesprächstermin brauchen Sie sich nicht anzumelden, fahren Sie bitte in den dritten Stock, Zimmer 305." Schade eigentlich, nun werde ich nie erfahren, ob das Blatt nun als Beleg akzeptiert wird, wenn es doch so komisch ist.

Ich betrete den Fahrstuhl und das folgende Schild fällt mir ins Auge:

Werte Kunden (man beachte die Formulierung!), wenn Sie einen Gesprächstermin haben, gehen Sie bitte direkt zu Ihrem Vermittler, es ist nicht nötig, sich anzumelden.

Wohlgemerkt, dieses Schild befindet sich im Fahrstuhl!

Ich treffe auf eine junge Frau, die sich mir als die Vertretung der für mich zuständigen Vermittlerin vorstellt. Und sie geht gleich in medias res, will wissen, wie oft ich mich beworben habe, wo, welche Netzwerke ich genutzt habe und ob ich Erfolg gehabt hätte. Würd ich dann wohl hier sitzen???

Ich werfe ein, dass ich nur noch 4 Monate dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen werde - sie ignoriert diesen Einwand vollkommen und fährt fort, mir unter weiteren Fragen ein Angebot aus der Jobbörse auszudrucken - ich habe gerade gesagt, dass in der Jobbörse bisher noch keine Reaktion auf meine Bewerbungen erfolgt sind. Sie reicht mir den Ausdruck: "Sie sollten sich da bewerben." Und bereitet mich darauf vor, dass ich in den nächsten Tagen eine neue Zielvereinbarung erhalten werde. Per Post, wohlgemerkt. Ich sitze hier und jetzt vor ihr, und alles weitere kommt per Post?
 
Nach 15 Minuten ist der Termin beendet. Ich fahre nach Hause und hoffe nur, dass Menschen, die sich nicht auf ihre Rente freuen können, da nicht völlig verzweifeln.
 
Was meine Laune aber komplett zum Erliegen bringt, ist ein weiteres Schreiben der AA mit der Mitteilung, dass man mir wegen verspäteter Arbeitssuchendmeldung (was für ein Wort) eine Sperrfrist von 7 Tagen aufgebrummt hat. Und das, obwohl ich mich telefonisch erkundigt habe, bis wann ich mich gemeldet haben müsse. Ich lege Widerspruch ein, der abgelehnt wird, weil ich keinen Einzelverbindungsnachweis für das Telefonat erbringen kann.  Ist klar, ich lese in der Widerspruchsbegründung aber auch, dass eine telefonische Meldung auch wirksam ist. Jetzt frage ich mich, hätte die Mitarbeiterin mit 0180-Nummer mir nicht zumindest sagen müssen, dass ich das telefonisch erledigen kann oder mich nach meinen Daten fragen können? Ja, ich habe mich vielleicht verspätet gemeldet, sauer bin ich trotzdem.
 
Und ich habe schon wieder Post bekommen: einen Fragebogen (wie schön!) den ich bzw. mein Arbeitgeber ausfüllen muss mit den genauen Daten über meine Entlohnung und ob und wie lange ich beschäftigt bzw. bezahlt werde. Oh ja, und die Rentenbeiträge werden an die "Allgemeine deutsche Rentenversicherung" abgeführt, nicht etwa an den DRV. Wo leben diese Leute?
 
Die Geschichte ist noch nicht zu Ende, schließlich werden wir noch mindestens 4 Monate miteinander zu tun haben MEINE Agentur für Arbeit und ich. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.
 

Kommentare:

  1. Also das hätte ich besser nicht so spät gelesen. Jetzt habe ich Herzrasen vor Ärger. Doofes ignorantes Volk da bei der AA.

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  2. Es lässt sich wirklich nur mit einer gehörigen Portion Gleichmut und einem relativ sicheren materiellen Hintergrund ertragen. Ich wage gar nicht, mir vorzustellen, wie es Leuten geht, die länger als ein halbes Jahr "arbeitssuchend" sind.

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